Das Rondell im Beschuss stürzt ein

Nachdem die gesamte fürstliche Artillerie feuerbereit war, begann am Mittag des 30.April ein permanentes, nur durch die Nacht unterbrochenes, mörderisches Feuer. Ausgehend von den drei vorgenannten Stellungen, bestrich das Feuer der

  1. Hessen das Große Rondell, den größten Teil der Schildmauer, die Mörserplattform auf der Oberburg und die Nordostbastion.
  2. Kurpfälzer den gesamten Ostbereich des Nanstein, bestehend aus dem Große Rondell, sowie den Wehrgang auf der Schildmauer, die Kapelle und auch noch das Nordostwerk.
  3. Trierer die gesamte Länge die Südfront, vom Außenhof hinter dem Torbau über das Kleine Rondell und die Südmauer bis zum Großen Rondell.

Allein am ersten Tag waren über 600 Schüsse auf den Nanstein abgefeuert worden und der

“.. verderbliche Thurm, dess Mauern doch 14 Schuhe in der Dicke betrugen, binnen Dauer eines halben Tages völlig in Trümmern sank.“,

wie es im „Warlicher Bericht“ (Quelle 6) heisst.

Wie kam es dazu? Nach anfänglichen Vollsalven aus allen schweren Rohren, bei denen der Feuerbefehl vermutlich durch Flaggen- oder Trompetensignale zwischen den Schanzen abgestimmt wurde, ging man zum sog. Taktschießen über.

Diese (neue) Beschussart erwies sich als sehr wirkungsvoll und funktionierte wie folgt: Im Abstand von ca. 1-2 Minuten feuerte jeweils ein einzelnes Geschütz aus einer der drei Schanzen auf das Große Rondell. Die in das Mauerwerk eindringende oder zerplatzende Kugeln versetzte es in leichte Schwingungen, die durch den Aufprall des nächsten Geschosses aus einer anderen Richtung nach 90 Sekunden zu einer neuen Schockwelle und einem permanenten Erzittern des Baus führten. Den Effekt der Überlagerung / Verstärkung von Schwingungen, den man in der Physik als (konstruktive) Interferenz bezeichnet, kam auch beim Mauerwerk des Großen Rondells zum Tragen.

Die Nachladezeit eines frühneuzeitlichen Kartaunentyps und der Scharfmetzen erforderte ca. 15 Minuten, die einer großen Schlange etwa 10 Minuten. Das schwere Hauptstück, welches sich in der kurpfälzischen Schanze befand, verschoss Steinkugeln von ca. 250 Pfund Gewicht bei einer Nachlade- und Anrichtzeit von 2 Stunden. Es bedurfte also schon einiger Geschütze und einer disziplinierten Feuerleitung, um die Taktfrequenz von 90 Sekunden zwischen den einzelnen Treffern über eine längere Zeit aufrecht zu erhalten. Im Großen Rondell erzeugten die Erschütterungen eine Lockerung des Mauergefüges. Die Kugeln schlugen nicht durch die Mauern, ein einzelner Treffer wäre, ohne nachhaltige Zerstörung anzurichten, verpufft. Erst die Taktung wiederholter Einschläge führte schließlich zum Einsturz.

Der Umstand, dass das Rondell rechtzeitig geräumt werden konnte und keine menschlichen Verluste beim Einsturz eintraten, ist erstaunlich, zeigt aber auch, dass der Einsturz als Prozess ablief und rechtzeitig erkennbar war.

Exkurs: Beschussversuche im 19. Jh. (von Scharnhorst) zeigten, dass eine Halbkartaune aus 400m abgeschossen, lediglich 45cm in Mauerwerk eindringen konnte. Die Eisenkugeln von 1523 waren jedoch noch nicht so hart, das sprödere Gusseisen zerplatzte beim stumpfen Aufprall sogar. Daher ist die Eindringtiefe von Eisenkugeln bei 6m Mauerstärke im Jahr 1523 unerheblich. Die Schwingungen waren der Auslöser für den Kollaps der Mauern. Übrigens zeigt sich, dass geschossdämpfende Erdwälle, die sich bereits gesetzt hatten (also nicht erst frisch aufgeschüttete) die Energie von Geschossen am besten absorbierten. Ziegelsteine widerstanden dem Beschuss überraschenderweise sogar besser als Natursteine (z.B. Sandstein).

Mit dem jahreszeitlich früh hereinbrechenden Dämmerung endete der Beschuss des ersten Tages. Trotz der intensiven Feuers war keines der fürstlichen Geschütze geborsten

Die fürstliche Allianz aus Kurpfalz, Kurtrier und Hessen wählten für ihre Belagerung 1523 Stellungen auf der Höhenrippe "auf der Pick".
"Haltepunkt Turmmitte" : Anleitung zum Beschuss eines runden Turmes mit mehreren Geschützen aus: Litzelmann - Artilleriebuch BSB Cgm 909 (1582) (Creative Commons Lizenz)
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