Burgenkunde

Die Kanonenburg

Der Einsatz von Artillerie gegen Burgen war Mitte des 15.Jahrhunderts bereits Stand der Wehrtechnik. Davor waren Mauerhöhe und Stärke von Schildmauer und Bergfried gegen die Wurfgeschosse von Bliden (auch “Tribock” oder “Trebuchet” genannt) noch ausreichend gewesen. Mit dem Aufkommen von Kanonen als neuem Waffentyp mussten die vorgenannten Wehrelemente erhöht und verstärkt werden, denn eine waffentechnisch unterlegene Burg stellte keine Machtoption mehr dar. Mitte des 15. Jhdt. war das nach dem Stand der Technik noch eine valide Option. Man antizipierte damals noch nicht, dass die weitere Qualitätssteigerung des Schwarzpulvers und die Einführung gegossener Geschützrohre dramatische Verbesserungen in der Reichweite, der Treffgenauigkeit und der Durchschlagskraft von Geschützkugeln erreichte, denen letztlich kein Steinwerk mehr gewachsen war. Das war das Ende der Kanonenburg, die im 17. Jahrhundert von Schanzen hinter Erdwällen und Gräben abgelöst wurde, weil jene die kinetische Energie von Kugeln viel besser absorbierten konnten als Mauerwerk. Doch das war Mitte des 15. Jhdts. noch nicht abzusehen.

Neuscharfeneck durchlief den Ausbau zur Kanonenburg unter KF. Friedrich I. v.d. Pfalz in den Jahren 1469 – 1472. Hierbei wurde nicht nur die passive Verteidigungskraft erhöht, indem man den Halsgraben deutlich verbreiterte, die Schildmauer erhöhte und massiv im Mauerwerk verstärkte. Es wurden überdies für eine aktive Verteidigungsführung mehrere Geschützkasematten (Abb.1) und eine Trägerplattform für weiterreichende Geschütze eingerichtet, aus denen einem Angreifer beträchtliches Abwehrfeuer entgegengesetzt werden konnte (Abb.2).

Auf Neudahn und der Madenburg hat man anstelle eines Schildmauerausbaus in die Angriffsseite eine neue, stärkere Wehrmauer gestellt. (Abb.3).

Beim Umbau bestehender Anlagen hat man auch auf die Überhöhung der eigenen Kanonenstellungen gegenüber einem anrückenden Feind geachtet und besonders hohe Geschütztürme gebaut, die meist in runder oder Hufeneisenform angelegt waren (Abb.4, Abb.5). Aus der Notwendigkeit, den unmittelbaren Bereich vor der Burg während des Sturmangriffs des Fußvolkes noch mit Abwehrfeuer bestreichen zu können, was von der Schildmauerplattform oder den hohen Geschütztürmen nicht möglich war, mussten zwingend sog. „Streichwehren“ eingerichtet werden, die den Feuerkampf noch auf kurze Distanz erlaubten. Die bautechnische Umsetzung erfolgte durch den Einbau weiterer Feuerstellungen für Handwaffen in der Schildmauer oder den Türmen. Diese konnten schmaler als die Schießöffnungen für Geschütze ausfallen. Die Schießöffnungen wurden zum Schutz der Bedienungsmannschaft(en) entsprechend klein gehaltenen.

Der alleinstehende Geschützturm Klein-Frankreich erlaubte sogar ein Kreuzfeuer mit den Geschützen auf und gegen Burg Berwartstein Stellung beziehenden Feind.

Die Artillerie gehörte seit Kaiser Maximilian I. zum festen Bestandteil einer schlagkräftigen Truppe. Die im Bronze- später im Eisenguss hergestellten Geschützrohre wurden “serientauglich”, die Einführung des Kalibersystems erlaubte die Herstellung von Munition in kostengünstiger Serienproduktion, die fernab des Schlachtfelds und auf Vorrat erfolgen konnte. Die Kanone wurde zum militärischen Standard und war nicht mehr nur den finanziell Bestgestellten vorbehalten.

Reichten in der Mitte des 15. Jhdt. einzelne, in Kasematten platzierte, Kanonen noch für ein zahlenmäßiges Gleichgewicht aus, so war man im 17. Jhdt. in der beengten Burg dem Angreifer, der immer etliche Geschütze mit sich führte und seine Stellungen frei wählen konnte, nun numerisch unterlegen. So war der Anbau von Rondellen (z.B. Hardenburg Abb.6, Nanstein, Berwartstein) die folgerichtige nächste Ausbaustufe eines Burgherrn, der immer noch an der Burg als Wehrbau festhalten wollte. Mit ihnen schuf er sich die Option, mehr Geschütze auf beweglichen Radlafetten gleichzeitig in Stellung zu bringen, Feuerschwerpunkte zu verlagern und damit seine Feuerkraft zu erhöhen. Die “starre” Schildmauerkasematte (Neuscharfeneck) hatte ausgedient.

Hinter den Mauern im Innern der Rondelle wurden mächtige Pulverkammern eingerichtet, damit die Burg unter Feindbeschuss nicht gleich in die Luft flog (Abb. 7).

Weiterführende Information sind in den Kapiteln  “Mittelalterliche Waffenkunde” und “Kampf um Burgen” sowie in den Burgsprechungen (z.B. Neudahn, Altdahn, Drachenfels, Madenburg, Berwartstein, Hardenburg, Nanstein, Neuscharfeneck) aufbereitet.

Abb. 1 Kasematte (4m*2m*2m)für kurzrohriges 
 Kleingeschütz in der Schildmauer von
 NEUSCHARFENECK, Feb 2017
Abb. 2 Schießscharten in der bis zu 12m dicken 
 und 20m hohen Schildmauer von
 NEUSCHARFENECK, Feb 2017
Abb. 3 Keilförmige Bastei mit Schießöffnungen 
 für Pulverwaffen auf NEUDAHN, Apr 2017
Abb. 4: Maulscharten in den viergeschossigen Batterietürmen von Burg NEUDAHN, Apr 2017
Abb. 5 Schießfenster und Geschützplattform 
 des hufeisenförmigen Nordturms von ALTDAHN, Apr 2017
Tor-Rondell, Westbollwerk und 
 Kugelturm: Die Geschützrondelle der 
HARDENBURG, Apr 2017
Abb. 6 Tor-Rondell, Westbollwerk und 
 Kugelturm: Die Geschützrondelle der HARDENBURG, Apr 2017
Pulverkammer im Felskeller des 
 Westbollwerks in der HARDENBURG, Apr 2017
Abb. 7: Pulverkammer im Felskeller des 
 Westbollwerks in der HARDENBURG, Apr 2017
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