Das Westbollwerk

Der Westturm hat unten am Fundament gemessen einen Durchmesser von knapp 23 Meter, davon nimmt der Innenraum 9 Meter ein. Die Mauerstärke beträgt ca. 6,8 Meter.

Er war bis zur (An-)Sprengung 1692 dreigeschossig und trug oben einen umlaufenden hölzernen Wehrgang, in den vier Wichhäuschen für Beobachtungsposten eingefügt waren . Weiterhin gab es auf der Dachebene über dem erhaltetenen Kuppelgewölbe mehrere große Schießfenster hinter Mauerbrüstungen für dort aufgestellte langrohrige Schlangengeschütze, vermutlich in der Größenordnung bis zur “Nothschlange”. Um die Lafette, Rohre und Kanonenkugeln nach oben zu verbringen, ist ein Hebezeug mit Winde (Flaschenzug) im Innern des Turms denkbar. In der Rekonstruktion gibt es über der Doppeltüre hierfür eine Vorrichtung ähnlich eines Wandkrans. Kommunikation und Versorgung mit dem Dachgeschoss erfolgte über die heute noch erhaltene Öffnung in der Kuppel.

Der Turm stand bis zur Fertigstellung des Verbindungsbaues 1550 zunächst als Solitärbau außerhalb des Burgkörpers, getrennt durch den stauferzeitlichen Halsgraben. Zur Westseite gegen die mittelalterliche Feindannäherungsrichtung wurde dem Westbollwerk bei seiner Errichtung ein zweiter (jüngerer) Halsgraben voran gesetzt.

Die Öffnungen der großen Geschützscharten geben Hinweise über den vermutlichen Kampfauftrag und die eingesetzten Waffentypen.

(Wir betrachten nun das obere der beiden hochformatigen Fotos der Ostseite, rechts)

  • Zwei rechteckige Scharten (li: 80 x 100cm; re: 60 x 70cm) links und rechts des Eingangs. Die Scharten öffnen sich schräg zur Außenseite, so dass die hier zum Einsatz kommenden Geschütze flankierend vor die Hauptburg wirken konnten. Hier könnten leichtere Geschütze bis zur Größe einer kurzrohrigen Viertelkartaune zum Einsatz gekommen sein.
  • Hochrechteckige Scharte (80 x 100cm) über der Tür: 
Aus ihr war ein Überschießen der Kern- und Vorburg auf die Höhen jenseits des Isenachtals möglich.
  • Oben: Zwei hochrechteckige Scharten. Die linke Scharte wurde erst später mit einem zweigeteilten Rechteckfenster zugesetzt. Die rechte Scharte misst 130cm in der Höhe, hat eine stichbogige Mauerung, und zeigen nach. Hieraus dürften die schwerste Geschütze der Hardenburg, möglicherweise 42-pfündige Ganzkartaunen, Stellung bezogen haben. Die Holzdecke zwischen den Geschützebenen

(Hochformatiges Foto, unten): Im Erdgeschoss des Westturms ist der Ansatz eines Treppenabgangs zu erkennen, der heute mit einem umlaufenden Geländer gesichert ist. Im Jahr 1500 vermutlich als Flucht- und Versorgungsgang begonnen, kam er jedoch nicht zur Vollendung, vermutlich weil mit dem Bau des Verbindungsbaus eine leistungsfähigere Lösung gefunden worden war, deren Realisierung aber noch bis 1551 dauerte. Für den Einsatz von Geschützen auf der Basisebene bedeutete der Treppenabgang eine Einschränkung hinsichtlich dort einsetzbarer Geschütztypen. Obgleich die Größe der Schartenöffnungen und die Statik des Bollwerks den Einsatz größter zeitgenössischer Geschütze ( Ganze Kartaune, ggf. auch Doppelkartaune) erlaubt hätten, so limitierte das Loch im Boden den Arbeitsweg, den ein langrohriges Geschütz zum Laden beim Einfahren benötigte. Die Rohrlänge einer Ganzkartaune betrug immerhin 3,25 Meter, die Lafettenlänge hinter dem Stoßboden des Rohres ist hinzuzurechen. Der gesamte Innenraum maß aber nur 9 Meter. Also kamen nur kurzrohrige Geschütztypen in Frage.

Fünf große Geschützscharten zur Ostseite; Oben: Fahnenmast der Besucherplattform
Eine umlaufende Balkennut zwischen 1. und 2. Geschützebene kündet von einer ehemals hölzernen Zwischendecke

Pulverwaffen auf der Hardenburg

Doppelkartaune
Vollkartaune
aus: Kriegsbuch des Reinhard von Solms

Die Ganzkartaune verschoss 42 pfündiger Eisenkugeln mit einem Kaliber von 180mm. Das Rohrgewicht einer Kartaune betrug ca. 5 Tonnen. Die Nachladezeit einer Kartaune betrug etwa 15 Minuten

Halbkartaune (24-Pfünder) aus dem 16. Jh. aus Bronzeguss in Stellung auf Plattform
Festung Königstein (Sachsen)

Die “Halbe Kartaune” verschoss 24 pfündige Eisenkugeln des Geschosskalibers 150mm. Das Gewicht der Kanone betrug ca. 3,1 Tonnen.Die Nachladezeit einer Kartaune betrug etwa 15 Minuten.

Bronzerohr einer Viertelkartaune (12-Pfünder). Rohrgewicht 1590kg.
Ausgestellt auf Veste Coburg
Rohr eines 6-Pfünders Rohrlänge 2150mm, Schussweite 320-3600 Schritt (min-max) Festung Königstein (Sachsen)

Kartaunen
gab es in lang- und kurzrohriger Ausführung und verschiedenen Kalibern von der Doppel- bis zur Achtelkartaune. Die Achtelkartaune verschoss 6-pfündige Eisenkugeln aus einem Rohr-Kaliber von 90mm.
 

Kurzrohrige 6-Pfünder kamen in nahezu allen Pfälzer Kanonenburgen zum Einsatz, da sie auch in kleinen Geschützwerken (ab 5 Meter Durchmesser) Platz fanden. Meist erfolgte der Einsatz in Burgen auf einer vierrädrigen Kasemattlafette. (siehe Register unten)

16-pfündige Nothschlange (15. Jhdt.) aus: Kriegsbuch des Reinhard von Solms

Die Nothschlange gehört zur Gruppe der “Schlangen”.Wir finden diesen Geschütztyp seit dem 15. Jahrhundert. Im Verhältnis zur Rohrlänger wies die Schlange ein relativ kleines Geschosskaliber auf. Die Schlange war ein typisches Flachbahngeschütz mit hoher Treffgenauigkeit sowie großer Durchschlagskraft.

Für die Bedienung des Geschützes waren neben dem Büchsenmeister noch 2-3 Knechte für Auswischen und Ansetzen nötig. Die Nachladezeit einer Nothschlange betrug etwa 10 Minuten.

Mit ihrer langschwänzigen Lafette wog die nothschlange ca. 3,5 Tonnen. Die Rohrlänge betrug über 5m.  Im Gegensatz zur Kartaune hatte die Nothschlange einen peitschend hellen Abschussknall.

Auf der Hardenburg waren auf der Dachplattform des Westbollwerks vermutlich zwei schwere Schlangen des Typs “Nothschlange” im Einsatz. Mit ihrer langschwänzigen Lafette wog jedes der Geschütze ca. 3,5 Tonnen.

Halbe Schlange. 9-Pfünder, 15. Jh.
aus: Kriegsbuch des Reinhard von Solms

“Schlange” war seit dem 15. Jahrhundert die Bezeichnung für ein Geschütz, das im Verhältnis zum Kaliber ein besonders langes Rohr hatte und im Vergleich zu den “Kartaunen”  ein relativ kleines Geschosskaliber aufwies.

Die Halbe Schlange war ein typisches Flachbahngeschütz mit hoher Treffgenauigkeit sowie großer Durchschlagskraft, das sowohl bei Belagerungen gegen schwächere Mauern wie auch in der Feldschlacht (Feldschlange) eingesetzt wurde.

Die “Halbe Feldschlange”  war ein 9-Pfünder mit einem Kaliber von 107mm und einem Rohrgewicht von ca. 1,7 Tonnen.

Auf der Hardenburg waren aufgrund der ausreichenden Platzverhältnisse im Turmgeschoss wohl volle Rohrkaliber im Einsatz.

Falkon-Rohr auf Festung Königstein (Sachsen)

Die Schlange war ein typisches Flachbahngeschütz mit hoher Treffgenauigkeit, ideal zum Bestreichen der Zugangswege zur Burg.  Der 2-Pfünder oder “Falkon” gehört zu den kleineren Schlangengeschützen mit einem Rohrinnenkaliber von 68mm und einer Rohrlänge von 170cm in der kurzrohrigen Variante (22 Kaliber)

In Burgen kamen überwiegend kurzrohrige Varianten  zum Einsatz, weil die Platzverhältnisse für das Laden einer Langrohrvariante häufig nicht ausreichten.

Auf Neuscharfeneck waren 1541 sechs 2-Pfünder erfasst.

Kurzrohriges Falkonet auf Radlafette
Kurzrohriges Falkonet auf hochrädriger Wandlafette, Veste Coburg

Das Falkonet gehört zur Gruppe der “Schlangen”.  Es wird auch Falkonett, Falkon oder Achtelschlange genannt. Das Falkonet war für den präzisen Schuss konzipiert und ist nicht zu verwechseln mit der Falkaune. MIt 300kg Gewicht war es relativ beweglich.

Das Falkonet verschoss 1-pfündige Eisenkugeln vom Kaliber 5cm. Das Falkonet hatte bereits Kimme und Korn als Visiereinrichtung. Die Höheneinrichtung erfolgte mittels einer Schraubspindel.

Beim Kampf um Burgen kam das Falkonet häufig auf Dachplattformen von Geschütztürmen, wie z.B.  den Flankierungstürmen von Neudahn und der Schildmauer von Neuscharfeneck, zum Einsatz. Die zwei Nansteiner Falkonets standen im Vorhof hinter dem Außentor zusammen mit den nachfolgend aufgeführten Serpentinell und der Hagelbüchse.

Rohr mit Kammer einer (kleinen) Kammerbüchse wog nur etwa 50 bis 60 Kilogramm und verschoss mit von Blei überzogene Steinkugeln mit 6 bis 7 cm Durchmesser. Das zugehörige Kammerstück fehlt allerdings.


Mitte des 16. Jahrhunderts wurde die Steinbüchse zugunsten Eisenkugeln verschießender Geschütze abgelöst, die eindeutige Vorteile bei Treffgenauigkeit und Reichweite mitbrachten.
Im Schmiedebau der Hardenburg kamen hingegen weiterhin Steinbüchsen in den beiden Hosenscharten zum Einsatz, Denn dort kam es nur darauf an, in den Vorhof vorgedrungenes Fußvolk auf kurze Distanz mit einem Hagelschuss zu zerschlagen.
Das Geschosskaliber der im Hardenburger Besucherzentrum präsentierten Kammerbüchse (Hinterladergeschütz) dürfte für den wirksamen Hagelschuss zu klein gewesen sein.

 

Eine Auswahl von Handwaffen, wie sie auf dem Nanstein vorhanden gewesen sein könnten 3 Haken, 1 Tromblon, Rüstkammer Veste Coburg

 

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