Franz von Sickingen und seine Fehden

Die Ruine Nanstein ist sehr stark mit der Person und dem Wirken des kleinen stämmigen pfälzer Reichsritters Franz von Sickingen verknüpft. Daher ist es nicht abwegig, im Rahmen der Burgbesprechung das Wirken des berühmten „letzten“ Ritters in die Betrachtungen der Pfälzer Burgen aufzunehmen.

Das Geschlecht der Sickinger, Abstammung

Das Adelsgeschlecht der Sickinger stammt ursprünglich aus dem nordbadischen Kraichgau aus der Nähe von Bretten. Bis ins 10. Jhdt. reicht dessen Geschichte zurück. 936 wurde ein Albrecht von Sickingen namentlich erwähnt, der als Stammvater des Geschlechts gilt. Ich übergehe die zahlreichen Namen der dem Geschlecht Entsprossenen bis ins 16. Jahrhundert, da sie für die Geschichte des Nanstein unerheblich sind.
Ich starte mit Schweickhardt VIII.,der ein unerschütterlicher Gefolgsmann des KF v.d. Pfalz war und in zahlreichen Kriegen und Fehden für die Pfalz die Lanze brach. Auch für sich selbst befehdete er manche Städte und Klöster und mehrte seinen Besitz dabei beträchtlich. Besonders seine Fehde gegen die Stadt Köln sei genannt. Dass sich Schweickhardt dabei die Gegnerschaft vieler Mächtiger im Reich zuzog, war eine Begleiterscheinung. Besonders trat Schweickhardt für den Pfälzer Ruprecht während des Landshuter Erbfolgekrieges ein, in dessen Verlauf Kurpfalz von Kaiserlichen, vom Schwäbischen Bund, von den Herzögen von Bayern und Baden und dem Landgraf von Hessen bekriegt wurde. Hierbei wurden auch die Güter des Sickingers verwüstet. Seine unerschütterliche Gefolgschaft zum Pfälzer brachte Schweikhardt schließlich eine Anklage wegen Hochverrates ein. Das kaiserliche Gericht fällte den Blutspruch und Schweikhardt wurde 1505 enthauptet.

der

Wappen derer von Sickingen Wikipedia "Sickingen", gemeinfrei

Die jungen Jahre des Franziscus von Sickingen

Franz wurde 1481 als einziger Sohn des Schweighardt VIII. von Sickingen und der Margarethe von Hohenburg (Elsaß) vermutlich auf der Ebernburg geboren.

Der unter Seinesgleichen „Franciskus“ genannte genoss eine anständige Bildung, war des Lesens und Schreibens mächtig und wurde nach ritterlichen Tugenden erzogen. 1495 wurde er Knappe und erhielt sieben Jahre später, also im Alter von 21 Jahren, den Ritterschlag. Als Zeugen sollen Dietrich von Dalberg und der berühmte Ritter Ulrich von Hutten fungiert haben.

Von seinem Vater Schweikhardt erbte Franz 1505 einen (nicht-territorialen) Streubesitz, der aus vielen Gütern und Burgen bestand, darunter Ebernburg, Rheingrafenstein und Nanstein. Der Rheingrafenstein und Ebernburg waren zudem wegen ihrer Erzgruben sehr einträglich, die mit Kupfer die Grundkomponente des Geschützmetalls lieferten. Das half, den Wohlstand seines Besitzers zu mehren. Dieses Geld war 1518 auch dringend erforderlich, um Sickingens Fehden zu finanzieren und um Ebernburg und Nanstein nach dem Stand der Militärtechnik gegen Feuerwaffen zu ertüchtigen und damit den Machtanspruch des Sickingers als eine führende Kraft in Südwestdeutschland zu manifestieren. Das war in der Wende zur Neuzeit eigentlich nur noch hochadeligen Territorialmächten und nur noch sehr wenigen Rittern (in der Pfalz nur noch (Neu-)Dahn) möglich.

 

Franz v. Sickingen; Quelle Wikipedia, public domain

Machtpolitik und Fehdeführung

Als der Ausbau des Nanstein 1518 zur Kanonenburg begann, war Franz bereits ein bekannter und einflussreicher Mann. Wenngleich niederadelig, verfolgte er eine anachronistische Politik, die den Ritterstand als direkter Unterstützer des Kaisers zu bewahren suchte und damit gegen die wachsende fürstliche Gewalt im Reich aufbegehrte. Auch war er ein entschiedener Gegner des „ewigen Landfriedens“ von 1495, der den Rittern das Recht der Fehdeführung nahm und stattdessen gerichtliche Instanzen einrichtete, die allen offenstanden. Franz scheute sich nicht, seine Fehden, die er mit angeheuerten und mannstarken Söldnerheeren führte, auch gegen den Hochadel und auch noch nach 1495 vorzutragen. Seine Fehdezüge häuften sich augenfällig nach dem frühen Tod seiner Frau und dienten überwiegend kommerziellen Interessen. Man spricht hier sogar von Sickingen als “Fehdeunternehmer”. Alleine seine Fehden des Jahres 1518 hatten ihm 84.000 Gulden in die Kassen gespült.

Hier ein Überblick seiner nennenswerteren Unternehmungen:

1515: (Einträglicher) Feldzug im Auftrag des Kaisers u. Schwäbischen Bundes gegen Herzog Ulrich von Württemberg

1515 – 1519: Fehde mit der Reichsstadt Worms, in deren Verlauf Franz zum ersten Mal durch Maximilian I. geächtet wurde, 1518 kam es aber zu einer Verständigung mit dem Kaiser und Franz wurde aus der Acht – sehr zum Unmut der Stadt Worms – entlassen.

1516: Fehde mit Lothringen wegen der Beleidigung eines Dritten

1517: Überfall auf Landau (ohne Fehdebrief)

1518: Fehde mit Metz im Auftrag des frz. Königs

1518: Fehde mit Hessen (die ihm neben 83Tausend Gulden „Entschädigung“ auch die Rachegelüste des jungen Landgrafen Philipp, damals 14 Jahre alt, einbrachte)

1518: Fehde mit Frankfurt wegen finanzieller Ansprüche gegen zwei Frankfurter Juden. Durch Zahlung von 4.000 Gulden konnte Frankfurt militärische Handlungen gegen die Stadt verhindern.

1521: Zug gegen Frankreich als Feldhauptmann im kaiserlichen Dienst (4.000 Reiter, 15.000 Fußknechte, der mit einer Niederlage endete. Die Finanzierungskosten für das Heer musste Sickingen dem Kaiser Karl V. vorstrecken, erhielt später jedoch nichts davon zurück erstattet).

1522: Fehde mit Kurtrier

Büste des Franz v. Sickingen in der sog. Sterbekammer auf Nanstein, Juli 2017

Auf dem Höhepunkt der Macht (1518)

Dass die seit dem Landfrieden von 1495 widerrechtlichen Fehden dennoch stattfinden konnten, hängt auch mit der Schwäche der Reichsgewalt zusammen, die es nicht verstand, vielleicht auch nicht wollte, zeitnah einen schlagkräftigen Kriegszug gegen Fanciskus zu organisieren. Als es dann 1518 auch zu einer erneuerten Verständigung zwischen Franz und Maximilian I. gekommen war und Franzens Reichsacht wieder aufgehoben wurde, kann folgender Status festgestellt werden:

  • Sickingen beherrschte faktisch weite Teile Südwestdeutschlands.
  • Er war ein angesehener Kriegsherr, der keine Probleme hatte, schnell ein Heer zu rekrutieren, was ihm in der Fehdeführung entscheidende Vorteile einbrachte. Er hatte die Mittel und das Ansehen. Die Landsknechte liebten den schlagkräftigen Haudegen als durchsetzungsfähigen Ritter.
  • Franziscus genoss auch die Unterstützung der Ritterschaft, die gemeinsam mit ihm gegen die neue Ordnung der fürstlichen dezentralisierten Gewalt aufbegehrte.
  • Wenn sich Franz befehdete, war ihm der finanzielle Erfolg sicher und man suchte sich lieber mit ihm zu arrangieren, als gegen ihn die Sicherheit und den ungehinderten Handel nicht zu riskieren.

Den Bedeutungszuwachs als erfolgreicher „Fehdenunternehmer“ erkaufte sich Franz dennoch teuer. Als Zugeständnis des neu gewählten König Karl V. an die Fürsten war, dass im Falle der Abwesenheit des Königs das sog. Zweite Reichsregiment die Reichsgewalt vollziehen sollte. Jetzt entschieden quasi die Fürsten und nicht mehr der an der Türkenfront weilende Kaiser über die Reaktion des Reiches auf den Landfriedensbruch Sickingens bei seiner Fehde mit Kurtrier. Es folgte die erneute Verhängung der Reichsacht und nun fanden sich bereitwillig und vor allem schnell einige Fürsten, die dem Reichsrecht zur Durchsetzung verhalfen. Die Schnelligkeit, mit der sie die Hilfe für Kurtrier bereit stellten, war eine verhängnisvolle Fehleinschätzung von Franziscus.

Dass es zwischen 1519 und 1521 relativ ruhig um Franziscus blieb, mag dem Auskurieren einer Krankheit geschuldet gewesen sein. In einem Brief an Graf Philipp v. Solms v. 4. Mai 1522 beschrieb Franz seine Erfahrung mit einem Medikamentenmix basierend auf Guajak, der vermutlich gegen eine Gichterkrankung angewandt wurde. Spekulationen, er habe damit eine Siphyliserkrankung behandelt, sind nicht belegt und auch die Beschreibung entsprechender Symptome fehlt.

 

Franz von Sickingen (*1481 † 1523) im Harnisch und mit federgeschmücktem Barett Ölgemälde eines unbekannten Künstlers 16. Jh.

Der letzte Akt – Fehde gegen Kurtrier 1522

Nun zum letzten Akt des Wirkens von Franz v. Sickinger, der mit der Fehdeabsage an Trier am 28. August 1522 begann und 9 Monate später mit seinem Tod im zertrümmerten Nanstein endete.

I. Fehdebrief und Fehdegrund

Durch die ausbleibende Rückzahlung von etwa 76.500 Gulden, die Sickingen dem Kaiser für den (verloren gegangenen) Feldzug 1521 gegen Frankreich vorgestreckt hatte, war er in der Folge in eine finanzielle Schieflage geraten, zumal der Ausbau seiner Burgen Nanstein und Ebernburg viel Geld verschlungen hatte. Er konnte aufgenommene Kredite nicht mehr bedienen und suchte bei dem ihm in der Vergangenheit wohlgesonnene Straßburg im August 1522 um einen weiteren Kredit von 8.000 Gulden nach. Es ist sehr wahrscheinlich, dass er das Geld für den geplanten Kriegszug gegen Trier einsetzen wollte.

Gemäß des mittelalterlichen Fehderechts, das es seit dem Landfrieden von 1495 juristisch gar nicht mehr gab, überreichte am 29. August 1522 in Ehrenbreitstein ein Gesandter Sickingens den Fehdebrief an den KF von Trier, Richard von Greiffenklau. Der Fehdegrund stand auf tönernen Füßen und stützte sich zum einen auf nicht beglichene Forderungen zweier Trierer Untertanen. Zum anderen habe sich der Kurfürst durch Handlungen gegen Gott, gegen den Kaiser selbst und gegen die Rechtsordnung schuldig gemacht. Damit spielte Franziscus darauf an, dass der KF von Trier vom französischen Gegenkandidaten Franz I. vor der Wahl des deutschen Königs bestochen worden war und nicht für Karl V. gestimmt hatte.

Gleich nach Erhalt des Fehdebriefes ging der Trierer Kurfürst daran, den Kaiser und das Reichsregiment zu Nürnberg über die bevorstehende Gefahr zu informieren. Er kümmerte sich auch sogleich darum, dass Kurpfalz, Hessen und Köln sein Hilfeersuchen erhielten. Auch KF Albrecht von Mainz wurde um Hilfe ersucht, allein dieser blockte ab. Das Reichsregiment hingegen handelte schnell und verbot bei Todesstrafe, der Fahne des Reichsritters zu folgen. Allein nicht einer der Angeworbenen fühlte sich davon beeindruckt.

Dass Kurtrier, Kurpfalz und Hessen 1522 ein Defensivbündnis gegen Landfriedensbrecher geschlossen hatten, war Franziscus bekannt und er wurde auch gewarnt, dass die verbündete „Ritterschaft brüderliche vereynigung“ nicht in den Konflikt auf Seiten Sickingens eintreten würde. Dennoch zog Franz gegen Trier, allerdings nicht ohne jeglichen Beistand, denn er wurde von einigen Grafen unterstützt. Das ergibt sich aus dem Bericht eines Boten des Reichsregiments , Hans Rosenhoffer, der im Feldlager Sickingens folgende Adeligen erkannt haben will: Graf Eitelfritz von Zollern, zwei Grafen von Fürstenberg, Graf von Ewerstein, Graf von Löwenstein, Graf von Lupfen und weitere Niederadelige. Alle diese wurden 1523 wegen ihrer Gefolgschaft für Sickingen verfolgt und zur Rechenschaft durch das Reichsregiment gezogen.

 

 
 

Fehdebrief des Franz v. Sickingen an den KF v. Trier

Quelle: LHAKo Bestand 1C Nr 9198

 

 

https://ikmk.smb.museum/object?id=18219993
Richard v. Greiffenklau zu Vollraths (1523) auf Münze *1476 † 1531
Er war Franzens entschiedener und ebenbürtiger Fehdegegner

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II. Kurtrier trifft Vorkehrungen

Die Befestigungen der Stadt hatte Franz bereits 1521 auf dem Rückmarsch aus Frankreich aufklären lassen, was belegt, dass die Fehde schon seit Langem geplant gewesen war und dass die unter I. dargelegten Gründe im Fehdebrief nur vorgeschoben waren.

Aus dem Bericht der Trierer Stadtschreibers Johann Flade wissen wir, dass daher schon 1521 in Trier Vorkehrungen gegen einen Angriff Sickingens eingeleitet worden waren. So wurde der Schellenturm an der Nordostecke der Stadtmauer verstärkt, die Instandsetzung und Teilerneuerung von Gräben vor der Stadtmauer vorgenommen und mögliche Deckungen für den Feind während der Annäherung (z.B. Häuser, Mauern, Bäume) entfernt. Auch wurden 108 Rüstungen bestellt und die Zünfte in der Stadt zur Abstellung bewaffneter Kontingente verpflichtet. So wurde die Anzahl der verfügbaren Stadtverteidiger um 40 Weber, 12 Bäcker, 13 Gerber und Schuster, 25 Krämer usw. erhöht. Unmittelbar vor der Belagerung wurden weitere Gemäuer – und die Abtei St. Maximin – abgebrochen, die dem Feind hätten Deckung bieten können.

Die zur Unterstützung des bedrohten St. Wendel noch ausgeschickten 114 Söldner wurden durch Sickingen gefangen gesetzt, von den Adligen versprach sich Franz weiteres Lösegeld.

Als der Aufbruch des Sickingenschen Heeres gegen Trier offenkundig wurde und sich die Nachricht der Übergabe von St. Wendel wie ein Lauffeuer verbreitete, strömten viele Schutzsuchende in die Moselstadt, was die Versorgungslage dort bereits vor der drohenden Einschließung anspannte. Nur mit großer Anstrengung und Solidarität gelang es, die Vorräte noch aufzustocken.

Eine Mobilmachung war durch den Kurfürsten bereits vor der Zustellung des Fehdebriefes eingeleitet worden. In allen Kurtrierer Ämtern wurden Landsknechte angeworben, deren Sold durch eine Sondersteuer gedeckt wurde. Dem Kurfürsten war klar, dass die Fußtruppen aufgrund ihres geringen Ausbildungsstandes nicht in der offenen Feldschlacht eingesetzt werden konnten. Sie wurden in Trier mit erfahrenen ständigen Truppen gemischt und von diesen im Nötigsten ausgebildet. Insgesamt 2.000 wurden so rekrutiert und nach Trier in Marsch gesetzt. Noch vor dem Eintreffen Sickingens erreichte der Kurfürst am 6. September die Stadt.
Zum Befehlshaber der Trierer Truppen wurde der Landvogt von Saarbrücken, Gerlach von Isenburg, bestellt. Dieser ordnete die Verteidigung neu:

  • Er teilte die Stadtmauer der Moselstadt in 5 Abschnitte ein und ließ sie bemannen.
  • Jeder Abschnitt wurde von einem Adeligen nebst einem Ratsherrn befehligt.
  • Die Stadttore wurden „gehörig besetzt und mit Pallisaden verrammelt“.
  • Brandwachen (aus Frauen und Mönchen) wurden eingeteilt. 60 Bürger wurden in der Stadt als Wächter beauftragt, etwaigen Aufruhr innerhalb der Stadtbefestigung sofort zu unterbinden. Auch sollten die Patrouillen Verräter und Feiglinge aufspüren.
  • Als Reserven standen in der Stadt 300 Reiter, 300 Trierer Bürger, 400 Mann aus weiteren Trierer Städten, 200 Landsknechte und 200 Vertreter der Geistlichkeit bereit.
  • Eine auserlesene Schar von Kämpfern wurde für Ausfälle bereitgehalten.
  • Die Geschütze mit Pulver und Kugeln wurden in Stellungen bei den Stadttoren befohlen, weitere auf dem Marktplatz in Bereitstellung gehalten. Über Anzahl und Geschütztypen der Trierer Artillerie liegen keine Angaben vor.
  • Daneben wurden Prozessionen abgehalten und Schutzheilige angerufen und zu standhaftem Schutz und Schirm aufgefordert. Die Verteidigung der Stadt wurde für die Bürger zur Glaubens- und Ehrensache.

     

 

Philipp I. (Landgraf v. Hessen) *1504 † 1567
 Holzschnitt Schoen, Erhard Gotha, um 1530 (gemeinfrei)

 

Kurfürst v.d. Pfalz. Ludwig V.
Zeitgenössischer Maler, 1540
Public Domain

III. Verlauf der Belagerung von Trier (8. – 14. Sep 1522)

Für den Feldzug gegen Trier hatte Franz ein stattliches Heer aus ganz Deutschland angeworben. Es kursieren, je nach Quelle, unterschiedliche Angaben zur Stärke zwischen 5.000 und 15.000 Mann.  Quelle 1 (S.234) zufolge „standen bald 10.000 Mann Fußvolk und 5.000 Reiter unter seinen Fahnen. Überdies sollten noch 1.500 Reisige, die der Herzog von Braunschweig beurlaubt hatte, zu denselben stoßen“. Quelle 5 beziffert die Truppenstärke mit ca. 8000 Mann, darunter 1.500 Reiter, 5.000 Fußvolk, der Rest (1.500) Artillerie und Trosspersonal. Für den Unterhalt dieser 8.000-Mann-Streitmacht waren monatlich für Sold und Verpflegung etwa 60.000 Gulden aufzubringen, pro Tag also 2.000 Gulden. Aus den Aufzeichnungen der Landshuter Krieges hat man Erfahrungswerte, welche Logistik hierfür zu leisten war: 8.000 Mann benötigten täglich etwa 25 Zentner Fleisch, 16.000 Laib Brot und 16 Fuder (entspricht ca. 13.000 Litern) Wein.

Im Wesentlich marschierten zwei Kontingente aus Sammelräumen (1) aus der Gegend von Straßburg und aus (2) Lorsch gen Trier. Sickingen ließ in seinem Straßburger Feldlager noch sein Feldzeichen auf die Ärmel der Krieger heften „Tetragrammaton“ oder „Herr, Dein Wille geschehe“.

Anmarsch auf Trier über St.Wendel, Tholey, Wallerfangen, Grimburg und Saarburg vom 4. – 8. Sep 1522

Auf dem Weg nach Trier eroberte Sickingen mehrere zum Kurfürstenturm gehörende Städte. Am 31. August wurde Blieskastell eingenommen. Am 3. September ergab sich St. Wendel. Franz aber zog nun nicht direkt nach Trier, denn er wollte auf das Eintreffen weiterer Hilfstruppen warten und zog stattdessen über Tholey, Wallerfangen, Grimburg und Saarburg. Das gilt heute als strategischer Fehler, denn es gab Trier wertvolle Zeit für die weitere Vorbereitung der Verteidigung. So konnte Kurfürst Richard von Greiffenklau am 6. September gerade noch rechtzeitig mit einer Streitmacht von ca. 2.000 Mann in Trier einziehen und die Verteidigung verstärken. Franz erreichte Trier erst 2 Tage später, am 8. September 1522. Da hatte sich der Gegner bereits eingerichtet, das Momentum aus Überraschung und Schnelligkeit war verloren gegangen.

Als Sickingen die Moselstadt am 8. September erreichte, ließ er seine Mannen Kriegsgeschrei anstimmen und eine „wildrauschende Kriegsmusik“ aus Trompeten und Pauken erklingen, worauf die Verteidiger „Schrecken und Zagen befiel.“ Ein Herold Franzens trat vor die Stadt und forderte diese zur Übergabe auf, was aber abgelehnt wurde. In der Nacht zog Franz den Belagerungsgürtel daraufhin enger und ließ seine Truppen bis einige hundert Schritte an die Mauern heranrücken. Noch in der Nacht wurden Schanzen aufgeworfen und die Belagerungsartillerie in Stellung gebracht. Am Morgen des 9. September begann der Beschuss auf das Koritzer Tor „mit jeder Art von Geschütz, wie es die damalige Zeit nur aufwies“, anscheinend mit geringem Erfolg. Im Abwehrfeuer Triers seien hingegen zwei Sickinger Büchsenmeister getötet worden. Bei einem Ausfall von 60 Trierer Landsknechten durch einen geheimen Gang wurden am gleichen Tag einige Sickinger Kanonen „vernagelt“, d.h. durch Eintreiben von Nägeln in den Zündkanal temporär unbrauchbar gemacht. Die geschickten Büchsenmeister konnten die Störungen jedoch binnen kurzer Zeit wieder beheben.

Noch in der Nacht unternahm Franziscus einen Stellungswechsel und ließ nun auf den Schellenturm feuern. Die Feuerintensität soll gering gewesen sein, möglicherweise weil die vernagelten Kanonen noch nicht wieder einsatzfähig waren. Am Abend intensivierte Franz den Beschuss, der noch 3 Tage bis zum 12. September anhielt, wobei auch Brandgeschosse „gegen zivile Ziele“ zum Einsatz kamen. Dabei sollen trotz der Brandwachen viele Häuser abgebrannt sein. Die Wirkung des Beschusses wurde durch Trier wie folgt beschrieben: Ein „ziemlich teil“ der Mauern neben dem Schellenturm schien „bis uf dem grund hingeworfen“ und „die schutzen des orts ihrer Wehr beraubt“. Auf Neudeutsch heißt das, dass die Stadtmauer am Schellenturm breschiert wurde und die Wehrgänge nicht mehr besetzt werden konnten. Es soll aber nicht zu menschlichen Verlusten gekommen sein, was man in Trier als göttliche Fügung interpretierte. Die Bresche wurde in intensivster Anstrengung der Besatzung durch neue Wälle abgeriegelt. Mögliche Gründe, warum der massive Vorstoß durch die Bresche am Schellenturm unterblieben ist, sieht der Trierer Stadtschreiber darin, dass es Franz am Gelde fehlte, die Knechte zum Sturm zu besolden und ihm zudem das Pulver und die Kugeln für ausreichendes Unterstützungsfeuer ausgegangen sei. Ob diese Analyse angesichts insgesamt fünf unternommener Sturmangriffe zutreffend ist, muss bezweifelt werden.

In der nächsten Belagerungsphase schwiegen die Kanonen und Franz setzte nun auf “psychologische Kriegsführung“, indem er mit Pfeilen Nachrichtenzettel in die Stadt schießen ließ, die die Bürger zur Übergabe bis zum nächsten Morgen bei Zusicherung von Leib und Gut aufforderte. Seine Fehde richte sich ausschließlich gegen den Erzbischof. Sogleich bekräftigten Stadtrat und Bürgerschaft in einer Sonderberatung ihre Einigkeit mit der Geistlichkeit ohne dass es zu Sickingen freundlichen Aktion innerhalb der Mauern gekommen wäre.

Ein erneuter Vermittlungsversuch durch den inzwischen eingetroffenen Erzbischof von Köln scheiterte am 13. September an der enorm hohen Forderung von 200.000 Gulden. Der KF von Trier, Richard von Greiffenklau, machte seinerseits eine Gegenrechnung auf und forderte die gleiche Summe von Sickingen für erlittene Schäden und Aufwand.

Nach einem erneutem Stellungswechsel, diesmal auf den Petersberg, ließ Sickingen am 14. September das Artilleriefeuer gegen die Stadt erneut aufnehmen und es konnten in der Tat weitere Breschen gelegt werden. Mit Leitern wurde nun die Stadtmauer gestürmt und es begann ein Nahkampf auf der Mauerkrone mit Hauen und Stechen, so wie im Kapitel Kampf um Burgen – Belagerungstechnik Ziff, IV B Über die Mauer“ beschrieben. Balken und siedende Materialien sollen auf die Stürmenden hinabgeworfen worden sein. (Quelle 1, S. 258). Die beiden Heerführer sollen an der Spitze mitgekämpft haben. Es gelang zwar ein Einbruch, jedoch musste sich die sickingenschen Sturmtruppen eilig und ungeordnet zurückziehen, als die Trierer Reserven eine deutliche Überlegenheit an der Einbruchstelle herstellten und die Verfolgung aufnahmen. Damit seine Truppen an den Mauern nicht völlig aufgerieben wurden, musste Franz den Rückzug befehlen und dabei inkauf nehmen, dass insbesondere seine schweren Geschütztypen, für deren geordnete Rückführung angesichts nachstoßender Trierer Truppen keine Zeit mehr blieb, zurückgelassen werden mussten. Es ist anzunehmen, dass die Rohre gesprengt oder zumindest die Zündkanäle vernagelt wurden.

Belagerung einer Stadt, Holzschnitt 1502 (gemeinfrei)

So könnte man sich auch die Belagerung von Trier 1522 durch Franz v. Sickingen vorstellen, wenngleich Franzens Artillerie aus Kartaunen 
und Feldschlangen bestand, also moderner war als die hier gezeigten Rohre auf Burgunderlafetten (noch ohne Schildzapfen).

Beschießung einer Stadt aus Feldschanzen
Kupferstich von Erhard Schoen (1. Hälfte 16. Jhdt.), Ausschnitt aus der Belagerung von Münster, gemeinfrei

Die Geschütze mussten bis etwa 300 Meter vor die Stadtmauern gebracht werden, um mauerbreschende Wirkung zu erzielen. Zum Schutze dienten mit Erde verfüllte Schanzkörbe. 20 Tonnen Pulver wurden auf Trier 1522 abgefeuert.
Kupferstich von Erhard Schoen (1. Hälfte 16. Jhdt.), Ausschnitt aus der Belagerung von Münster, gemeinfrei

IV. Abruch der Belagerung

Jetzt, am Abend des 14. Septembers, hob Sickingen die Belagerung von Trier auf und zog des nachts ab. Als Rückzugsweg wählte Franziscus den Weg über den Hunsrück ins Nahetal zur Ebernburg.

Die Gründe für den Rückzugsbefehl wurden aus einem zurückgelassenen Brief bekannt, der die aussichtslose Lage Sickingens beschreibt, als die Entsatztruppen des Landgrafen v. Hessen und des Pfalzgrafen vor der Moselstadt eintrafen. Alleine das kurpfälzische Kontingent soll 300 Reiter und 2.000 Fußvolk umfasst haben. Weitere Unterstützungstruppen für Trier aus Kleve und Köln seien im Anmarsch gewesen, die erhoffte eigene Verstärkung von 1.500 Mann aus Braunschweig war vor Kassel in einen Hinterhalt geraten und abgeschnitten worden. [Fußnote dazu: Dabei war übrigens auch der sickingische Geheimcode in die Hand der Hessen gelangt, was es der fürstlichen Allianz ermöglichte, abgefangenen Botschaften Sickingens – auch 1523 vor dem Nanstein – schnell zu dechiffrieren.] Und die logistische Versorgung der sickingenschen Truppen sei aufgrund des Reichsregiments, welches die Unterstützung Sickingens unter Todesstrafe gestellt hatte, zum Erliegen gekommen.

Der Jubel in Trier war groß. Ein gerechter Ausgang und eine Bestätigung der wahren christlichen Religion gegen die Reformation. Es gab jedoch kein Verschnaufen. Der Kurfürst nahm die Verfolgung des abrückenden Feindes auf und belagerte alsbald das von Franzens zweitältesten Sohn Hans gehaltene St. Wendel, das aber ohne Verluste geräumt werden konnte.

In mehreren Schreiben gab Franz nun Anweisung, Kanonen und Munition aus St. Wendel auf den Nanstein zu verbringen, von wo aus er den Kampf weiterführen wolle. Zu diesem Zweck sollten Außenstände von 500 Gulden in St. Wendel unverzüglich eingetrieben werden. Offensichtlich rechnete er zu diesem Zeitpunkt bereits mit einem Rachefeldzug von Kurtrier. Auf seinem Rückzug verheerte Franziscus etliche Orte und Burgen. Die Zerstörungen wurden von den Geschädigten fleißig katalogisiert und in Gulden bewertet. Angefangen von 116 Gulden für 58 Schweine (..) bis hin zu 3 Gulden für 6 Kannen und 12 Gulden für 12 eiserne Hakenbüchsen.

Bernkastel wurde auf dem Rückzug 4 Tage lang ergebnislos beschossen, die Belagerung musste bei der Annäherung hessischer und kurpfälzischer Entsatztruppen eilig aufgehoben werden.

Die Fehde gegen Trier war zum völligen Fiasko für Franz von Sickingen geraten. Die finanziellen Schwierigkeiten zwangen Franziscus schließlich auch noch, die Reste seines Heeres zu entlassen, welches er im Winter nicht weiter unterhalten wollte.

Achtbrief des Franz v. Sickingen vom 10. Okt 1522
 LHAKo Bestand 1A Nr 9339

Am 10. Oktober wurde ohne Anhörung die Reichsacht gegen Franz v. Sickingen verhängt. Das Ende Sickingens kam schließlich im Mai 1523, als die gegen den Nanstein gezogene fürstlichen Allianz mit massivem Kanonenfeuer die Burg zertrümmerte und Franziscus einen Tag nach der Kapitulation seiner erlittenen Bauchverletzung erlag. Das war aber noch nicht das Ende des Gegenschlags: Die Fürsten zogen weiter und zerstörten auch noch die anderen sickingischen Besitztümer wie Ebernburg, Hohenburg und Drachenfels. Das Reichsregiment verfolgte 1523 alle Unterstützer Sickingens und sanktionierte deren Kampf gegen die siegreiche Reichs- und Fürstengewalt

.

V. Gründe des Scheiterns der Fehde mit Kurtrier

Die Gründe seines Scheiterns lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Die Finanzschwäche Sickingens, welche die Aufstellung eines kampfkräftigen Heeres erschwerte und für eine längere Belagerung nicht mehr ausreichende unterhalten werden konnte
  • Unterschätzung der Entschlussfreudigkeit des Landgrafen v. Hessen und des Pfalzgrafen, Trier schnell zu unterstützen
  • Der ebenbürdige Gegner in Person des prinzipientreuen und seinen Glauben mitreißend verteidigenden KF von Trier, Erzbischof Richard v. Greiffenklau
  • Wegfall des Überraschungseffekts durch erkennbare Vorbereitung der Fehde, die zur rechtzeitigen Einleitung von Gegenmaßnahmen führte
  • Machtverlust Sickingens nach dem verlorenen Frankreichfeldzug 1521 und Verlust der Unterstützung durch vormalige Verbündete
  • Durchsetzungskraft des Zweiten Reichsregiments in Abwesenheit des Kaisers, der sich an der Türkenfront aufhielt
  • Die Anzahl der auf Rache sinnenden Gegner Sickingens war deutlich höher als die seiner Verbündeten und Freunde.

Der Kampf um den Nanstein wird im folgenden Kapitel eingehend beleuchtet.

 

Kopie von 1999 der Statue des Reichsritters von 1900; 
 aufgesetzt auf eine Renaissance Brunnenschale des 16.Jhdts. 
 Nanstein, Juli 2017

VI. Weiterführende Informationen zu Franz v. Sickingen

  1. Thomas, Hubert; Sturm, Caspar: Bellum Sickinganum, Das ist “Kurtze doch umständliche Historische erzehlung” deren von dem Edlen Teutschen Helden … Straßburg 1626, Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, Sammlung Ponickau
  2. Scholzen Reinhard, Franz von Sickingen, Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde, 1996
  3. Scholzen Reinhard: Franz von Sickingen (1481-1523) Fehde als Beruf, ÖMZ 5/2014, S. 3ff.
  4. Franz, Gunther: Der „Pfaffenkrieg“ Franz von Sickingens gegen Trier und die Zerstörung von St. Maximin, Vortrag vor dem Mittwochsforum der Evang. Kirchengemeinde Trier am 7. Oktober 2015
  5. Braun, Eckhard: Pfälzische Burgen und Feuerwaffen, Teil VI, S. 913f., Hauenstein 1997
  6. Bader, Erich: Sickingenstadt Landstuhl – Burg Nanstein, Abschnitt C. S. 33ff (Burgführer)
  7. Münch Ernst: Franz von Sickingen – Thaten, Pläne, Freunde und Ausgang. Stuttgart und Tübingen 1827 (google book) 397 S.
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