Neuscharfeneck - Damals und heute

Vorab

Nicht jede Rekonstruktionsskizze kommt der baugeschichtlich belegten Wirklichkeit nahe. Oft werden einzelne Bauelemente nicht stimmig dargestellt, manchmal fehlen sie ganz oder werden einer falschen Bauphase zugeordnet.  Es gibt aber Ausnahmen, so wie die beiden vorgestellten Arbeiten (3) und (4) von Hartung und Merz.

Die Rekonstruktionsskizze von Essenwein (1) stellt Neuscharfeneck  v o r  ihrer ersten großen Erweiterung durch Kurfürst Friedrich I. dar und bildet damit den ältesten Baubestand der vier Rekonstruktionen ab.

Die Aufbauskizzen von Andreas Rockstein (frei nach Werner Meyer (1)) und Arndt Hartung (3) zeigen die Anlage nach der zweiten Erweiterung nach dem Bauernkrieg, einmal in der NO- und einmal in der SW-Ansicht. Die Skizze des Landauer Architekten und Burgenforschers  Arndt Hartung kommt dem baugeschichtlichen Befund vermutlich sehr nahe, die Skizze von Rockstein/Meyer weist hingegen Fehler auf.

Das 2012 der Öffentlichkeit vorgestellte Burgmodell von Erwin Metz lehnt sich an die Hartungsche Rekonstruktion an, erweitert sie aber um viele Details. Das Modell zeigt die Burg um das Jahr 1600 ist aus meiner Sicht eine sehr gelungene Arbeit, da es ein fundiertes Bild aus sorgfältig recherchierter Information nach dem Stand der geschichtlichen Forschung abgibt.,

 

Neuscharfeneck vermutlich vor dem großen Umbau von 1469-1472

Würdigung der Rekonstruktion von Essenwein:

  1. Die “schlanke” hohe Schildmauer, die Lage des Burgzugangs und das Fehlen von Schussöffnungen für Pulverwaffen lassen auf einen Bauzustand der Rekonstruktion  v o r  1469 schließen, ohne jedoch die “Urburg” nach der Erbauung Mitte des 13. Jhdts. darzustellen. Dazu ist der Palasbau in der Bildmitte oben zu imposant dargestellt. Auch standen auf dem Zentralfelsen in der alten Oberburg sicherlich mehr als nur ein Fachwerkgebäude.
  2. Der hochrechteckige Burgzugang führt in dieser Abbildung über eine den Halsgraben überspannenden, mehrgliedrigen Zugbrücke fast mittig durch die Schildmauer. Er dürfte dem der hochmittelalterlichen Anlage des 13. und 14.Jhdts. weitgehend entsprechen. Ob eine Palisade als Brückenkopf jenseits des Halsgrabens vorhanden war, ist nicht belegt. Der Halsgraben war vor dem großen Ausbau ab 1469 schmaler als heute.
  3. Möglicherweise hatte das obere Ende der Schildmauer hervorkragende Elemente, um z.B. Steine hinabwerfen zu können. In der Abbildung ist der obere Abschluss umlaufend mit einem Zinnenkranz und einer Dachkonstruktion ausgestaltet. Durch den Ausbau ist diese Darstellung spekulativ.
  4. Für einen eckigen Turm am Ort des heutigen Kapellenerkers zur Sicherung der Nordseite der Burg gibt es keinen baugeschichtlichen Beleg. In der Vorburg sind hingegen noch Fundamentreste eines runden Flankierungsturms, der den Zugang zum Südzwinger zu decken hatte, vorhanden. Wann dieser gebaut wurde, ist unbekannt.
  5. Der Rundturm in der westlichen Vorburg deckt die (hier unbebaute) Vorburg. Das Westtor fehlt hier richtigerweise (noch). Der Zugang zum und vom Rundturm wird aus der Zeichnung nicht ersichtlich, erfolgte seinerzeit vermutlich über einen am Bering entlang führenden Wehrgang, der im Turm verriegelbar war.
  6. Bei Fehlen von Wehrgängen wäre zwar ein nach innen offener Halbschalenturm, ähnlich wie im Zwinger der Reichsburg Landeck, vorstellbar. Der Baubefund des Turmes mit seiner Mauerung “aus einem Guss” lässt die Schlussfolgerung nicht zu, dass er erst später zur Vollschale ausgebaut worden wäre.

Neuscharfeneck, vermutlich vor dem Bauernkrieg 1525

Würdigung der Rekonstruktion von Rockstein (frei nach Meyer):

Die dargestellten Schießöffnungen und die Verstärkungen des Nord- und Südanbaus der Schildmauer weisen auf ein Abbild der Burg nach dem Umbau zur Residenz und Kanonenburg durch KF. Friedrich I. nach 1469-1472 hin.

Es ist erstaunlich, dass ausgerechnet diese Rekonstruktion für die Illustrierung des Neuscharfeneck-Eintrages bei Wikipedia / Wikiwand verwendet wurde. Denn dem Kundigen fallen sofort mehrere  Inkonsistenzen auf:

  1. Die Schildmauer ist mit einer (nicht überdachten) Plattform zum Aufstellen von Geschützen dargestellt. Das ist denkbar, hätte aber erfordert, dass man das Pulver nicht bei den Geschützen, sondern im Innern der Schildmauer (“Pulverkammer”) gelagert hätte und dass man die Waffen bei Regen nicht hätte einsetzen können. Meine Meinung: Wenn Pulverwaffen dort oben zum Einsatz kamen, so muss von einer Überdachung ausgegangen werden, um Waffen und Pulver trocken zu halten. Alles andere hätte die Einsatzbereitschaft der Burgverteidigung dramatisch gefährdet.
  2. Der eingezeichnete Zugang über eine über den Halsgraben führende Zugbrücke wurde während des Umbaus von 1469-1472 umgelegt und zugemauert. Zwischenzeitlich gelangte man durch den nördlichen Schildmaueranbau (in der Skizze rechts) in den Nordzwinger, bevor schließlich der Hauptzugang westlich (im Bild links) um die Burg herum zum Westtorbau gelegt wurde. Mehr …
  3. Das Westtor ist (richtigerweise) eingezeichnet. Es war tatsächlich aber deutlich höher und mit einem höher gelegenen Wehrgang mit einer Pechnase versehen.
  4. Auf Höhe des Zugangs zum Nordzwingers sind drei kleine Wirtschaftsgebäude auf Höhe des Zugangs zum Nordzwinger eingezeichnet, tatsächlich schloss sich ein mächtiges Wirtschaftsgebäude rechts des runden Turms an, durch das im 1.OG der Wehrgang weiter zum Nordzwinger führte.
  5. In der Abbildung trägt der Zentralfelsen ein langgestrecktes rechteckiges überdachtes Wohngebäude mit Dachgauben, welches durch einen Rechteckturm an seiner Westseite begrenzt wird, dem pikanterweise zur Hofseite auch noch ein Aborterker hinzugefügt wurde. Die gesamte Darstellung ist falsch. Die Oberburg wurde beim großen Umbau zu weiten Teilen abgetragen. Auch bot der Zentralfelsen Platz nur für wenige kleine Fachwerkbauten.

Neuscharfeneck vor dem 30-jährigen Krieg


Würdigung der Aufbauskizze von Arndt Hartung:

  1. Wenn man Kanonen in der Schildmauer wirkungsvoll zum Einsatz bringen wollte, musste ein entsprechendes Schussfeld geschaffen werden. Folglich konnte die ehemalige Wegführung durch den vorgelagerten “Brückenkopf” und über den (Zug-) Brückenbau in die Schildmauer nicht beibehalten werden. Stattdessen wurde ein neuer Zugangsweg auf einer Holzkonstruktion südlich um die Schildmauer herum angelegt, den man mit einer Zugbrücke sperren konnte. Deren Aufnahme in dem spitzbogigen Pfeiler ist heute noch gut zu erkennen.
  2. Das westliche Vorwerk ist vermutlich im 15. Jhdt. während der Neugestaltung des Burgzugangs entstanden. Es ist anzunehmen, dass hier ein Tor war, welches in der Skizze nicht erfasst ist.
  3. Für den Bau des neuen Westtors wurden Buckelquader der Zentralfelsenverkleidung verwendet. Eine Pechnase, von der heute nur noch 4 Kragsteine vorhanden sind, ist in der Hartungschen Aufbauskizze nebst Wehrgängen gut dargestellt,.
  4. Der Zugang zum inneren Bereich der Burg erfolgte durch den Südzwinger, der durch einen Torturm (“Turmhausen-Tor”) mit aufgesetzter Pechnase gesichert war. Man nimmt an, dass dieses Bauelement erst nach dem Bauernkrieg entstanden ist.
  5. Der runde Turm sieht aus wie ein Flankierungsturm, der die Wehrhaftigkeit der Burg unterstreichen sollte. Tatsächlich war er mehr eine Mauerverblendung des westlichen Zentralfelsens und daher ohne militärische Bedeutung. Hartungs Darstellung des oberes Turmgeschosses ähnelt einer überdachten Wehrplattform mit Schießöffnungen. Tatsächlich stand hier ein Fachwerkhaus, das sog. “Turmhaus”.
  6. Hartungs überdachte Oberburg auf dem Zentralfelsen ist optisch zwar gelungen, entspricht aber nicht dem tatsächlichen Baubefund des 16.Jhdt.. Bereits beim Umbau in den 1470er Jahren war der Zentralfelsen “entkleidet” worden. Für das 16.Jhdt. sind auf dem Burgfelsen nur ein Brunnenhaus zum Schutz eines in den Fels getriebenen Burgbrunnens (heute verschüttet) und noch zwei weitere (Fachwerk-) Bauten bekannt.

Neuscharfeneck kurz vor dem 30-jährigen Krieg im finalen Ausbauzustand

Würdigung der Rekonstruktion Erwin Merz

Die aus meiner Sicht gelungenste Rekonstruktion der Burg Neuscharfeneck entstand 2012 durch Erwin Merz aus Neunkirchen nach mehreren Monaten Bauzeit. Es enstand aus Pappelsperrholz (3/4 mm) im Maßstab 1:100, wobei er die entsprechenden Mauerstärken durch mehrere Lagen erreichte. Der Anstrich besteht aus Granitfarbe, vermischt mit Sandsteinmehl der jeweiligen Burgen. Die Bauzeit betrug einschließlich der Recherchen, Anfertigung von Plänen und der genauen Vermessung mehrere Monate. Zur Darstellung von Details waren etwa 300 Digitalbilder erforderlich.

Weiterführende Quellen

 

  1. Alter, Willi: Der Bauernkrieg in der Pfalz,
    in: Pfalzatlas, Textband III, Speyer 1981, S. 1362–1397 und Karten 105 und 106.
  2. Alter, Willi: Der Aufstand der Bauern und Bürger im Jahre 1525 in der Pfalz, Speyer 1998.
  3. StA Landau, Ratsprotokolle
  4. Braun, Eckhard : Pfälzische Burgen und Feuerwaffen, Hauenstein 1997
  5. Wacker, Jakob: Nußdorf und Landau im pfälzischen Bauernkrieg,
    in: Nußdorf, 960–1960, ein Dorfbuch, hg. von der Gemeindeverwaltung Nußdorf 1960, S. 30–34, S. 30
  6. Franz, Günter: Der Deutsche Bauernkrieg,
    München/Berlin 1933.
  7. Hartfelder, Karl: Geschichte des Bauernkriegs in Südwestdeutschland,
    Stuttgart 1884.
  8. Heuser, Emil: Der Bauernkrieg 1525 in der Pfalz, rechts und links des Rheines,
    Neustadt 1925

 

 

  1. Rolf Übel: Nußdorf und der Bauernkrieg
  2. Wikipedia - Schlacht bei Pfeddersheim
  3. eBook: Frey, Michael: Versuch einer geographisch, historisch, statistischen Beschreibung des kön. bayer. Rheinkreise, S.323 ff. (1836)

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